
Das österreichische Gesundheitswesen ist ausbaufähig. Das wurde nicht zuletzt während der sich nun – hoffentlich – ihrem Ende zuneigenden Covid-19-Pandemie deutlich. Der Pflegesektor ist chronisch unterfinanziert und das Sozialministerium geht von einem Zusatzbedarf von rund 76 000 Personen im Pflegebereich bis 2030 aus, um einerseits den pensionsbedingten Abgang von Pflegekräften zu kompensieren und andererseits dem erhöhten Pflegebedarf einer älterwerdenden Bevölkerung Rechnung zu tragen. Es steht daher außer Frage: Der Pflegeberuf muss dringend attraktiviert werden. Dabei liegen die zentralen Forderungen vonseiten der Gewerkschaften schon längst auf dem Tisch:
- Es braucht bessere Betreuungsschlüssel in Pflegeeinrichtungen, sodass sich die Pflegekräfte auch angemessen um die Patient:innen kümmern und sich für diese auch Zeit nehmen zu können. Der Stress, dem das Pflegepersonal ausgesetzt ist, wirkt sich auch auf die Patient:innen negativ aus.
- Es braucht mehr Freizeit, damit sich Pflegekräfte besser von ihrer verantwortungsvollen Aufgabe erholen können. Die 30-Stunden-Woche müsste zumindest im Pflegebereich längst Realität sein. Bis jetzt ist noch nicht einmal die 35-Stunden-Woche erkämpft worden, für die die Gewerkschaften Anfang 2020 mobilisiert hatten.
- Es braucht mehr Geld. Die aktuelle Einkommensentwicklung im Pflegebereich reicht nicht aus, um die massive Teuerung auch nur ansatzweise auszugleichen. Vom Applaus, den die Pflegekräfte im Frühjahr 2020 erhalten hatten, können sie sich noch immer nichts kaufen.
Die jetzige Pflegereform der Bundesregierung ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, reicht aber nicht ansatzweise aus, um die Gesundheits- und Pflegekrise zu meistern. Und der Pflegebonus muss erst einmal bei den Pflegekräften ankommen. Zudem wurde auf die selbständigen 24-Stunden-Betreuer:innen vergessen.
Gleichzeitig muss an weiteren Schrauben gedreht werden, um sicherzustellen, dass alle einen Zugang zur bestmöglichen Gesundheitsversorgung und Pflege bekommen. Die Schließung von Spitälern und Privatisierungen im Gesundheitsbereich erweisen sich als Sackgasse. Dabei findet eine Privatisierung im Gesundheitsbereich schleichend statt: Die Kassenarztquote sinkt seit langem. Privatärzt:innen haben mehr Zeit für die Betreuung von Patient:innen, bessere Arbeitsbedingungen und verdienen auch mehr Geld. Immer mehr Patient:innen müssen sich überschaubare Anzahl an Kassenärzt:innen teilen. Das Ergebnis: Lange Wartezeiten und kurze Behandlungszeiten. Folglich ist eines klar: Wer sich keinen Privatarzt leisten kann, muss auf die bestmögliche Gesundheitsversorgung verzichten. Willkommen in der Zweiklassenmedizin!
Innsbruck weist eine Kassenarztquote von rund 38 Prozent unter den niedergelassenen Ärzt:innen auf. Unter den Gynäkolog:innen sind es gar nur 31 Prozent, was einer absoluten Anzahl von 12 Ärzt:innen mit Kassenvertrag entspricht, von denen die überwiegende Mehrheit männlich ist. Wenngleich die Kassenarztquote unter den Allgemeinmedizinern noch relativ hoch ist, wurde gerade jüngst deutlich, dass das Olympische Dorf derzeit lediglich über einen einzigen Kassenarzt verfügt.
Die Einrichtung von Primärversorgungszentren ist schon seit Jahren in Planung. Die Umsetzung lässt allerdings gerade in Tirol auf sich warten. Im Olympischen Dorf soll das erste errichtet werden. Wann es soweit ist, steht in den Sternen.
Zu guter Letzt ist noch festzuhalten: Auch wenn die gesetzlichen Krankenversicherungen 99,9 Prozent der österreichischen Bevölkerung abdecken, so ist jeder einzelne Mensch, der keinen regulären Zugang zum Gesundheitswesen hat, einer zuviel. Vor diesem Hintergrund sind Programme wie Medcare so unendlich wichtig, weil sie einen niederschwelligen Zugang zu einer medizinischen Basisversorgung gewährleisten. Dennoch: Niemand sollte darauf angewiesen sein. Die bestmögliche Gesundheitsversorgung und Pflege muss für alle Menschen ohne jede Einschränkung gewährleistet werden.
Roland Steixner
Ein Kommentar zu „Gesundheitsversorgung und Pflege – einige Baustellen“