
Über 120 Menschen sind am 24. November 2025 der Einladung von AliBi, der Gewerkschaftlichen Linken, von DIDF, ADHF und demkurd ins Treibhaus zu einem Vortrag von Nahostexperten Thomas Schmidinger mit dem Titel „Das neue Syrien – zwischen Jihadismus, Demokratie und Staatszerfall“ gefolgt.
Mesut Onay betrat als Erster die Bühne, stellte den Referenten kurz vor und verwies darauf, dass die Situation in Syrien auch viele Menschen, die hier leben, unmittelbar betrifft und diese gleichzeitig auch vom Abschieberegime in Österreich existentiell bedroht sind. Er verwies auch auf die Wichtigkeit von praktischer Solidarität.

Angekündigt von Mesut Onay trat Thomas Schmidinger vor dem Vorhang und bot Einblicke in die komplexe Situation in Syrien. Unter den großen Akteuren der Region sind die tragenden Kräfte der Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES/SDF) zweifellos der progressivste, weil er sich nicht ausschließlich als kurdisch, sondern als multiethnisch, multireligiös, säkulär und demokratisch versteht.
Schmidinger berichtete auch davon, dass in Städten wie Damaskus unterschiedliche Religionsgemeinschaften und auch Atheist:innen relativ friedlich zusammenleben und es dort sogar eine lebendige LGBTIQ-Szene gibt. Er brachte es anschließen in einer kleineren Runde noch auf den Punkt: Das Bild, das wir hierzulande von der Region haben, sei größtenteils falsch.

Er machte allerdings auch deutlich, dass die Lage in Syrien derzeit ausgesprochen fragil ist, was auch an der militant islamistischen Machtbasis von Al Sharaa liegt. Einerseits gibt sich der Übergangspräsident moderat und nimmt auch Mitglieder von ethnischen und religiösen Minderheiten ins Kabinett, andererseits sind diese oft nicht repräsentativ für die jeweiligen Gruppen. Außerdem bleiben sämtliche Schlüsselressorts in den Händen von Gefolgsleuten von Al Sharaa. Schmidinger plädiert für ein föderalistisches Syrien, zumal der Zentralismus die Konflikte in Syrien nicht zu lösen vermag. Regionale Autonomie sei der einzige Schlüssel zu langfristiger politischer Stabilität in einem demokratischen Syrien.


Schmidinger verweist zudem darauf, dass die Abschiebebestrebungen europäischer Staaten nicht nur unmenschlich, sondern auch im Sinne der weiteren Entwicklung Syriens absolut kontraproduktiv sind.
Einerseits weil es wieder zuallererst islamistische Kämpfer sind, die nach Syrien abgeschoben werden sollen. Dabei hat Syrien selbst schon ein großes Problem mit gefangenen islamistischen Kämpfern, allem voran vom IS. Syrien ist damit aktuell schlicht überfordert, zumal auch europäische Kämpfer in syrischen Gefängnissen sitzen und die Herkunftsländer wenig Interesse an deren Rückholung haben.

Andererseits, weil einige Menschen zwar durchaus gern in ihre Heimat zurückkehren würden, aber dies – aus Sorge um ihren Aufenthaltsstatus hier – lieber bleiben lassen. Schmidinger empfiehlt stattdessen, den Syrer:innen, die hier leben, die österreichische Staatsbürgerschaft zu verleihen, sodass sie auch testweise nach Syrien gehen, aber auch wieder hierher zurückkehren könnten, wenn sich die Lage in Syrien verschlechtern sollte.
Nach einer kurzen Frage- und Diskussionsrunde, bei der aus dem Publikum mehrere sehr wichtige Fragen kamen, wie z.B. die nach den Folgen der Selbstauflösung der PKK, bot sich für Interessierte im Anschluss die Gelegenheit, mit Thomas Schmidinger in kleinerer Runde ins Gespräch zu kommen.
Roland Steixner