
Mit dem 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen*, startet alljährlich die internationale Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen*“, die mit dem 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, ihren Abschluss findet. Somit wird im Kontext mit der Menschenrechtsfrage das Bewusstsein auch dafür geweckt, dass Frauen* – auch heute noch – in vielerlei Hinsicht als Menschen zweiter Klasse gelten, deren grundlegende Rechte immer – sofern diese ihnen nicht auch heute noch vorenthalten werden – immer einen Tick weniger wert sind als die von Männern, insbesondere dann, wenn es sich um heterosexuelle weiße Cis-Männer handelt.
Die jüngst bekannt gewordenen Femizide, wie etwa der Mord an einer Grazer Influencerin, der ausgerechnet während dieser Kampagne stattfand, oder der – bereits im Juni 2024 begangene – Doppelmord an einer Syrerin und ihrer Tochter, untersteichen die Dringlichkeit des Anliegens, auf Gewalt gegen Frauen* aufmerksam zu machen.

Ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik enthüllt, dass in Österreich mehr als die Hälfte der Mordopfer weiblich ist. Für das Jahr 2024 weist die Statistik 36 männliche und 40 weibliche Mordopfer aus. Die bereits im Juni 2024 getötete Syrerin und ihre Tochter wären nachträglich noch zu diesen 40 Opfern von 2024 hinzuzuzählen. Im Vergleich zu den EU-27 ist die Mordrate für beide Geschlechter in Österreich insgesamt leicht unterdurchschnittlich, während der Anteil der weiblichen Mordopfer überdurchschnittlich hoch ist. In den meisten EU-Staaten gibt es nämlich mehr männliche Mordopfer als weibliche.

Das hat zunächst mit einer grundsätzlich erfreulichen Tatsache zu tun: Einer insgesamt relativ niedrigen Gewaltkriminalität. In Ländern, in denen die Gewaltkriminalität höher ist, ist die Mehrheit der Mordopfer männlich. Insbesondere in Kriegen und in kriegsähnlichen Konflikten überwiegen die männlichen Todesopfer regelmäßig. Eine derartige Umkehrung der Geschlechterverhältnisse unter den Gewaltopfern können wir uns freilich nicht wünschen, da Kriege und kriegsähnliche Konflikte auch unter Frauen* die Sterberate erhöhen, insbesondere auch durch die indirekten Folgen, wie etwa dem Zusammenbruch von lebensnotwendiger Infrastruktur und medizinischer Versorgung. Dieser kriegsbedingte Kollaps trifft selbstverständlich in besonderer Weise vulnerable Gruppen, zu denen neben Kindern und älteren Menschen vor allem auch Schwangere und Gebärende zählen. Es versteht sich allerdings ohnehin von selbst: Jedes Gewaltopfer – egal welchen Geschlechts – ist eines zu viel. Es geht also darum, die Opferrate unter Frauen* zu senken.

Diese Geschlechtsunterschiede in den Opferstatistiken haben damit zu tun, dass Männer und Frauen* an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Kontexten Opfer von Gewalt werden. Während Männer typischerweise im Kontext klassischer Gewaltkriminalität und in Kriegen und kriegsähnlichen Konflikten Opfer von Gewalt werden, findet Gewalt an Frauen* typischerweise in einem häuslichen oder sexualisierten Kontext statt. Auch wenn nicht immer scharf zwischen Femizid und einem Mord, bei dem das Opfer zufälligerweise eine Frau* ist, unterschieden werden kann, so zeigt sich ein spezifisches Muster eines Großteils solcher Mordfälle. Unter den 29 von den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern für das Jahr 2024 als Femizide gelisteten Mordfällen standen die meisten Opfer in einem Naheverhältnis zum Täter.

Femizide sind in den meisten Fällen Beziehungstaten. Meist schon lange vor dem Mord wird das Opfer vom späteren Täter zur Sache erklärt, über das er die uneingeschränkte Verfügungsgewalt hat. Das ist etwa im Innsbrucker Fall auch schon zu einem Zeitpunkt geschehen, lange bevor die (mutmaßlichen) Täter die erste Tiefkühltruhe gekauft hatten. Der Femizid ist der Kulminationspunkt und das Symptom einer patriarchalen Gesellschaft, deren strukturelle Gewalt unterschiedliche Schattierungen aufweist. Sie reicht von der strukturellen Ungleichheit und der Tatsache, dass frau den Großteil der unbezahlten Arbeit zu übernehmen hat und dafür meist mit Altersarmut „belohnt“ wird, bis hin zu der Tatsache, dass Frauen* noch immer um das Selbstbestimmungsrecht über ihre Körper kämpfen müssen und noch immer mehr als Objekte denn als Menschen gesehen werden. Außerdem sind sie in den Augen vieler doch immer „irgendwie auch selber Schuld“, wenn ihnen Gewalt widerfährt.
Immer wieder werden diese Morde als „Morde aus Eifersucht“ dargestellt, mitunter gar als „Mord aus Liebe“, wie zuletzt in einem Artikel in der Kronenzeitung, der der Perspektive des (mutmaßlichen) Täters ausgesprochen viel Raum gibt. So viel Raum, dass die Satirezeitung die Tagespresse mit einem entsprechenden Artikel darauf reagierte. Femizide erscheinen je nach kulturellem Kontext als „Morde aus Eifersucht“ oder als „Ehrenmorde“.

Gewalt an Frauen wird von rechten und konservativen Medien nur dann skandalisiert, wenn dadurch rassistische und kulturalistische Erzählungen bedient werden können. Was aber der Mord an der Syrerin und ihrer Tochter ganz klar belegt: Gewalt gegen Frauen ist kein Problem eines bestimmten „Kulturkreises“. Sie ist das Problem patriarchaler Gesellschaften an sich, sowohl der westlichen als auch der anderswo. Deshalb gilt es, das Patriarchat als Gesellschaftsform gemeinsam mit dem Kapitalismus zu überwinden. Ein Gesellschaftssystem, unter der letztendlich auch die meisten Männer – ja selbst die gewalttätigen – leiden.
In den 16 Tagen gegen Gewalt an Frauen*, gilt es, sowohl die unmittelbare physische und psychische Gewalt als auch die strukturelle Gewalt gegen Frauen* aufzuzeigen und sichtbar zu machen, auf dass daraus die Kraft entstehe, die bestehenden Verhältnisse zu überwinden.

Roland Steixner
PS: Unter „Frauen*“ werden in diesem Artikel nonbinäre und Inter-, Trans- und Agenderpersonen (und so – kontextbedingt – grundsätzlich auch Transmänner) subsumiert, während unter „Männer“ hier (fast) ausschließlich Cis-Männer zu verstehen sind. Daher „Männer“ hier ohne (*).
Fotos: Erstellt bei der Demonstration gegen Gewalt an Frauen, Mädchen, trans, inter*, nichtbinären und Agender Personen vom 29.11.2025.